Vertigo

» Doppeldecker | » Autopilot | » Flugmanöver | » Ohne Kerosin | » Fazit
08/2009
Vertigo

Runde um Runde ein Looping

Vom sonoren Knattern der Propeller begleitet drehen zwei kleine Doppeldecker einen Looping nach dem anderen. Die Köpfe der Schaulustigen folgen gespannt der Kreisbahn und kommentieren die Flugmanöver mit "ahhs" und "ohhhs". Während eines der beiden Flugzeuge wie außer Kontrolle durch die Lüfte trudelt, beschleunigt das andere auf die doppelte Geschwindigkeit, wobei das Knattern des Propellers immer lauter wird. Zwei Minuten dauert das Spektakel, bis die kleinen Flieger wieder zur Landung ansetzten.

Publikumsträchtig ist die neue Attraktion im Tivoli Kopenhagen auf jeden Fall. Die Zweitauslieferung eines "Flying Fury" der italienischen Firma Technical Park macht eine gute Figur im orientalischen Themenbereich. Das nach Herstellerangaben erste interaktive Fahrgeschäft der Welt lässt sich vom Fahrgast frei steuern. Die Rotation der Arme am Ausleger und die Drehung der Flugzeuge in horizontaler und vertikaler Achse lässt sich über einen Joystick an Bord der Flieger bedienen. Wie sich ein Flug mit dem Vertigo anfühlt, haben wir vor Ort getestet.

Vertigo
Vertigo
Vertigo
Vertigo
Steuerung

Die Flugzeuge sind dem Gloster Gladiator, einem Jagdflugzeug der 30er Jahre, nachempfunden. Die in sandfarbener Tarnoptik gehalten Flieger sind wie ihr Vorbild mit einem zweiblättrigen Holzpropeller ausgerüstet der sich im Fahrtwind dreht und ein authentisches Motorengeräusch erzeugt. Die Arme, an denen der Fahrgastträger hängt, sind in unauffälligem himmelblau mit kleinen Wattewolken lackiert. Auf dem mächtigen Stahlträger der Mittelsäule, an dem die Aufhängungen befestigt sind, thront ein orientalischer Bau, in dem sich die kräftigen Antriebsmotoren verstecken. Wie eingefroren hängen herabbröckelnde Bodenteile des orientalischen Baus in der Luft und zieren die Säule des Vertigo. Über fahrbare Treppen lassen sich die Flugzeuge zum Be- und Entladen erreichen. Vier Passagiere finden pro Flugzeug Platz, von denen sich jeweils zwei einen Joystick für die Steuerung teilen. Reichlich Raum bieten die Sitzschalen und auch die Überrollbügel liegen nur im Schossbereich eng an. Gehalten wird man während der Fahrt hauptsächlich von Sicherheitsgurten über beide Schultern, was durchaus bequem ist. Die genaue Steuerung des Flugzeugs wird im Bild links erklärt.

Vertigo

Mit 5 G durch die Station

Sobald die Bügel geschlossen und die Sicherheitsgurte arretiert sind, steht man vor der Entscheidung, eine von drei möglichen Flugvarianten auszuwählen. Zur Wahl stehen zum einen zwei vorprogrammierte Flüge, einmal vor- und einmal rückwärts, die das komplette Fahrprogramm festlegen, ohne dass man selbst weitere Eingriffsmöglichkeiten hat. Diese zweiminütigen Flugmanöver wurden von einem Tivoli Mitarbeiter geflogen und aufgezeichnet. Bei der dritten Möglichkeit hat man alles selbst in der Hand. Sowohl die Rotation und Geschwindigkeit des Arms, als auch die beiden Drehachsen am Flugzeug können frei mit dem Joystick gesteuert werden. Zusätzlich lässt sich der 5G Turbo zünden. Dann dreht der Motor auf bis zu 15 Umdrehungen pro Minute auf. Das Flugzeug wird dafür in die Grundposition am Ausleger positioniert und lässt sich für die Dauer des Turbo nicht weiter beeinflussen. In den beiden vorprogrammierten Flügen zündet der 5G Turbo bereits am Anfang der Fahrt.

Vertigo
Vertigo
Vertigo
Vertigo
Vertigo

Babar

Top Gun im Tivoli - Ride Operator Babar

Echte Himmelsstürmer entscheiden sich natürlich für den Flug ohne Autopilot. So haben die vier Insassen die Möglichkeit, den zweiminütigen Flug frei zu gestalteten. Bis auf die Arretierung während dem Turbo Modus sind dabei den tollkühnen Piloten keine Grenzen gesetzt. Das Flugzeug kann man bereits in der Station in alle Richtungen drehen, der große Arm reagiert auf Vor- und Zurückbewegung des Joysticks und lässt sich sogar stehend in der Luft anhalten, wenn man geschickt gegensteuert. Auch kopfüber durch die Station lassen sich die kleinen Kamikazeflieger manövrieren. Während die Drehbewegungen der Flugzeuggondel fast direkt auf den Joystick reagiert, verhält sich der Ausleger physikalisch bedingt eher träge. Etwa 20 Sekunden benötigt man aus dem Stand, um auf die Normalgeschwindigkeit von 7,5 Runden pro Minute zu kommen. Für ungeübte Piloten ist das Steuern des Fliegers allerdings etwas schwierig, obwohl die Steuerung in ihrer Bedienung einfacher nicht sein könnte, doch mit den drei möglichen Drehachsen gleichzeitig einen harmonischen Fahrablauf zu erzeugen, erfordert etwas Übung.

Während unserem Besuch hatten wir die Gelegenheit, eine gemeinsame Fahrt mit dem Vorzeigepiloten von Tivoli zu erleben. Babar, einer der Ride Operator, zeigte uns, was man im freien Modus mit dem Vertigo alles anstellen kann. Von einem Sightseeing Flug über Kopenhagen bis zum perfekten Trudelfug abwärts spulte er das volle Programm ab. Man spürte deutlich die vielen Flugstunden, die er bereits auf Vertigo absolviert hat. Buchbar ist ein Rundflug mit Babar allerdings nicht, schließlich sollen ja die Besucher selbst an den Steuerknüppel.

Wartung

Elektronik-Check am Flieger

Um die kleinen Flieger in Bewegung zu versetzen braucht es erstaunlich große Mengen Energie. Zwei 100 KW Motoren sitzen an jedem Hauptarmen. Wenn beide Flieger zeitgleich den 5G Turbo zünden, wird für sechs Sekunden eine Energiemenge von 1,5 MW benötigt. Um den Stromverbrauch etwas einzudämmen, gibt es aber eine Energierückgewinnung. Bremst einer der Arme, wird diese Energie direkt in den zweiten geleitet. Doch nicht nur energetisch, auch technisch stellt Vertigo hohe Ansprüche. Zwei Stunden benötigen die Techniker jeden morgen für Checks und das Einfahren der Anlage. Zum Vergleich, der benachbarte Floorless Coaster "Dæmonen" ist in der Hälfte dieser Zeit fahrbereit.

Technische Daten
Hersteller:Technical Park
Melara, Italien
Eröffnung:1. Mai 2009
Höhe:40 Meter
Topspeed:100 km/h, 15 RPM
Drehung horizontale Achse:17 RPM
Drehung vertikale Achse:10 RPM
Max. Kräfte:5,2 G
Gewicht:52 Tonnen
Grundfläche:18 x 15 Meter
Kosten:2,8 Mio. Euro
Vertigo

Mit der neuen Attraktion hat Tivoli Kopenhagen keine Bruchlandung gemacht. Wer sich auf Vertigo als Pilot versucht wird überrascht sein, wie intensiv diese Attraktion sein kann. Das Herumtaumeln bei halbem Tempo ist durchaus spaßig und man kann die Kopenhagener Skyline auch einmal kopfüber bewundern. Doch wenn der 5G Turbo gezündet wird, geht es hart zur Sache. Da sitzen einige Insassen schon mal recht bleich im Flugzeug und freuen sich sichtlich, wenn es wieder langsamer wird. Rückwärts ist das ganze natürlich noch etwas intensiver und erfordert schon einen unempfindlichen Magen. Auch optisch wurde die Anlage sehr schön in den Park integriert und hat nichts mehr von der Kirmesoptik des Prototypen an sich. Zu Bemängeln bleibt lediglich die sehr geringe Kapazität der Attraktion. Etwa 120 Personen pro Stunde kommen in den Genuss einer zweiminütigen Fahrt. So entstehen selbst bei geringem Besucherandrang lange Wartezeiten. Vor Ort kann man sich jedoch ein Flugticket (eine Art Fastpass) mit vorgegebener "Abflugszeit" sichern. Das Erlebnis entschädigt jedoch auch für längere Wartezeiten und man sollte einen Testflug mit Vertigo bei einem Besuch auf keinen Fall auslassen.

Text: Lifthill.net - ob | Fotos: Lifthill.net