Talocan

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06/2009
Plaza Mariachi

Die Musik auf der Plaza Mariachi ist verstummt. Sengende Hitze liegt über der Stadt. In der Ferne hört man das Zirpen einsamer Grillen. Das Dorf ist menschenleer. Direkt am Marktplatz erhebt sich die mächtige Fassade des alterhabenen Weinguts der Familie González - jetzt nur noch ein Schatten ihrer einstigen Pracht. Was ist geschehen? - Seltsame Geschichten ranken sich um den Verbleib des Gutbesitzers und seines Sohnes. Gerüchte, Geschwätz, alte Legenden. Niemand weiß es wirklich und jeder hat seine eigene Erklärung für das, was passiert ist. Aber in einem Punkt sind sich alle einig: Den Zorn Tlalocs hat er heraufbeschwört, der alte Gonzáles. Und ihm zum Opfer gefallen ist er, mitsamt Stammhalter und seinem ganzen Besitz, verschollen bis in alle Ewigkeit im Reiche Talocan.

Theming

Theming

Fantastische Geschichten zwischen Mystik und Traum gibt es seit je im Phantasialand zu bestaunen - 2007 kam eine neue hinzu. Talocan heißt die neue Attraktion und nimmt ihre Besucher mit auf eine Abenteuerreise nach Mexiko. Der 1995 erstmals ausgeweitete und überarbeitete Themenbereich erhält damit eine weitere Aufwertung, einen würdigen Abschluss und gleichzeitig einen perfekten Übergang zu der in der Saison 2006 präsentierten Parkexpansion "Deep in Africa". An dieser lobten Kritiker neben der neuen Hauptattraktion "Black Mamba" insbesondere das opulente, detailverliebte Theming und die Authentizität zum schwarzen Kontinent. Und eben jener Detailgrad, welcher die besondere Atmosphäre des afrikanischen Phantasialand-Bereichs ausmacht, sollte auch bei der neuen Attraktion zu finden sein. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden original mexikanische Requisiten und landestypische Kunst- und Kulturgegenstände, wie beispielsweise historische Transportkarren oder bis zu zwei Meter große Tonvasen, importiert.

Die besondere Positionierung Talocans zwischen den drei Themenwelten Mexico, Alt Berlin und Deep in Africa sowie die Erfordernisse für den Lärmschutz stellte eine Herausforderung für das Design der Attraktion dar. Vom Haupteingang des Parks über die Straße Alt Berlin kommend stellt sich das Gebäude als relativ schlichter, zweistöckiger Spitzdachbau auf einer Anhöhe dar. Der mexikanische Themenbereich hingegen offeriert den Parkgästen einen Blick über einen neu angelegten Marktplatz auf das imposante Weingut der Familie González, welches zugleich den Eingang zum Fahrgeschäft bildet. Das wohl eindruckvollste Panorama aber erhalten die Besucher auf dem Weg nach "Deep in Africa", denn von hier herrscht freie Sicht in den kolossalen der Gottheit Tlaloc geweihten Aztekentempel, welcher der Schauplatz der eigentlichen Attraktion ist.

Talocan
Talocan

Als Europapremiere präsentiert das Phantasialand seinen Gästen zu seiner 40-jährigen Jubiläumssaison in 2007 einen Suspended Top Spin der Bremer Fahrgeschäftsschmiede Huss. Im Gegensatz zum klassischen Top Spin sitzen in dieser Floorless-Variante 38 Passagiere Rücken an Rücken auf dem bodenlosen Fahrgastträger und erwarten - wie schon beim Vorgänger - ein überschlagreiches Schaukelvergnügen mit einem Höhenunterschied von 18 Metern. Als nunmehr fünfte Auslieferung dieses Fahrgeschäftstypus unterscheidet sich Talocan jedoch beträchtlich von seinen Verwandten in Asien und den USA. Stehen diese nämlich mehr oder weniger "nackt" im Park, so ist Talocan durch die Mauern eines Aztekentempels nahezu eingehaust und erinnert somit eher an die Giant-Variante der Top Spins im nordamerikanischen Freizeitpark King's Island.

Theming

Das Erlebnis Talocan beginnt jedoch schon vor der Fahrt mit dem Suspended Top Spin. Auf der Plaza Mariachi erblickt der Parkbesucher noch vor Betreten der Queue das Anwesen der Winzerfamilie González. Im ersten Stock wird die Fassade mit Wucht von einer versteinerten gefiederten Schlange, Sinnbild für die aztekische Schöpfergottheit Quetzalcoatl, die gemeinsam mit Tlaloc die Macht über den Regen innehat, durchbrochen. Wären die davon erzeugten Risse, welche die Häuserfront überziehen, nicht nur perfektes Theming, könnte fast um die Stabilität des Gebäudes gebangt werden. So kann beruhigt das Weingut durch die große Toreinfahrt betreten werden. Lastkarren, Weinfässer und Traubenfresken säumen themengerecht den Weg. Durch eine Öffnung am Ende des Tunnels gelangt man wieder unter freien Himmel und direkt vor das Fahrgeschäft, welches der Legende nach eine Höllenmaschine darstellt, deren Sinn und Zweck einzig darin besteht, ihre Insassen geradewegs in Tlalocs Reich zu katapultieren. Dank der umgebenden Szenerie hat kein Parkgast auch nur den geringsten Zweifel am Wahrheitsgehalt der alten Überlieferung: Nebelschwaden tauchen die Überreste des Aztekentempels in eine mystische Atmosphäre. Zwei gewaltige Sonnensteine umrahmen die Teufelsmaschine. Totenschädel säumen die Queueline und belegen scheinbar die zahlreichen Opfer, die den Regengott sanftmütig stimmen sollten. Im Zentrum der Tempelanlage thront das fratzenhafte Götzenbild Tlalocs und wacht über sein Reich.

Talocan
Talocan
Talocan
Talocan
Sitze

Platz für 38 Abenteurer

Nebel

Bodennebel lässt die Gondel verschwinden

Feuer und Wasser

Feuer- und Wassereffekte

Tiefes Surren durchfährt die nebelgetränkte Luft und Stimmen in einer längst vergessenen Sprache kündigen den erweckten Götterzorn an. Die Arme der Maschine setzen sich in Bewegung, der Fahrgastträger beginnt zu schwingen, eine Reihe von Geysiren schießt hervor und die Fahrgäste erleben einen ersten Kontakt mit dem nassen Element. Die Gondelbremse löst sich, eine epochale Orchestrierung setzt ein und die Fahrt kann richtig beginnen. Schnell wird klar, dass Tlaloc nicht nur den Regen zu beherrschen scheint, denn Feuergarben schnellen aus seinem Götzenbild und Bruchstücken des zerfallenen Tempels. Inmitten dieses Infernos aus Wasser, Feuer und Nebel dreht der Top Spin unentwegt seine Runden, stellt die Passagiere auf den Kopf, bringt sie nahe an die Wände des Tempels und lässt sie die Hitze der Explosionen spüren. Nach knapp 80 Sekunden hat das Schauspiel ein Ende. Unter dem donnernden Lachen Tlalocs erhebt sich noch einmal die Wasserwand aus Geysiren, bevor mit einer letzten gemeinsamen Explosion aus allen fünf Feuerquellen das furiose Finale Fahrgäste und Schaulustige in seinen Bann zieht.

Hat der geneigte Parkgast in der Queue sich somit einen ersten Einblick ins Fahrgeschehen machen können, geht es dem Verlauf des Wartebereichs folgend, in einen alten Lagerraum des Weinguts. Hier soll alles seinen Anfang genommen haben. An der Wand ist ein steinerner Totenschädel zu finden, der bei dem Versuch, das Lager zu erweitern, freigelegt wurde und dem Zorn erfüllten Aztekengott erneut den Weg bahnte, seine vergangene Macht über das Menschenvolk wiederzuerlangen. Die Wartenden werden in zwei Gruppen zu je 19 Personen aufgeteilt. Schwere Holztüren schwingen langsam zurück und geben den Weg frei zum Fahrgeschäft. Nun ist man selbst in jener Stelle, an der Pedro González und sein Sohn verschwanden. Ereilt uns Fahrgäste dasselbe Schicksal? Werden auch wir unsere Reise ins Reich Talocan antreten? Die Sicht in der Nebelgrube wird immer undurchdringlicher. Die Parkgäste vor dem Tempel erscheinen nur noch wie schemenhafte Geister aus einer anderen Welt. Ist man noch im hier oder schon in Talocan? Niemand der Mitfahrer scheint es genau zu wissen und wieder erklingen die schon bekannten Stimmen, die den Fahrtbeginn einläuten. Und es beginnt...

Technische Daten
Hersteller:Huss Park Attractions GmbH
Bremen, Deutschland
Eröffnung:23. Mai 2007
Höhe:18 Meter
Gewicht:80 Tonnen
Beschleunigung:4 G
Besonderes:Nebel-, Wasser-, Feuer-
und Soundeffekte
Nacht

Insgesamt soll es drei verschiedene Fahrtprogramme geben, wodurch alle Zielgruppen angesprochen werden dürften. Das derzeitige Programm ist als familientauglich zu klassifizieren. Fans von handgesteuerten Kirmes-Top Spins werden vermutlich enttäuscht sein, wenn eine ähnlich wilde Fahrt erwartet wird. Doch im Vergleich zu anderen Parkversionen muss sich die jetzige Talocanfahrt auch nicht verstecken.

Letztendlich lässt sich festhalten, dass sich die nach Parkangaben 7,5 Mio. teure Neuinvestition zweifelsohne gelohnt hat. Anstelle des Condors, der zuvor hier seine Runden drehte, erwartet die Parkgäste ein wahnwitziges Aztekenabenteuer, bei dem man gar nicht genau zu sagen vermag, ob die Fahrgäste oder vielleicht doch die Zuschauer das größere Vergnügen haben. Visuell überaus beeindruckend und auch fahrphysikalisch nicht zu verachten, schafft Talocan gekonnt den Spagat zwischen Thrillattraktion und Showprogramm für die ganze Familie.





Text: Lifthill.net - cs, gs | Fotos: Lifthill.net