Ravine Flyer II

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08/2008
Überblick

Blick auf die im Wald versteckte Attraktion

Jeder kennt den am Eriesee gelegenen Freizeitpark Cedar Point, der durch seine zahlreichen rekordbrechenden Achterbahnen nicht nur bei Fans bekannt ist. Doch gute 250 Kilometer östlich der Küste entlang liegt ein kleiner Park, der spätestens seit diesem Jahr ebenfalls die Aufmerksamkeit der Achterbahnenthusiasten auf sich zieht. Die Rede ist von Waldameer (Erie, Pennsylvania). Seit Mitte Mai 2008 dreht der Ravine Flyer II hier seine Runden. Eine junge Bahn mit einer alten Geschichte und ein großes Projekt für einen kleinen Park. Doch was hat sich der kleine Familienpark abseits der ausgetretene Pfade der Achterbahnfangemeinde mit dieser Bahn in den Park geholt? Wir haben uns auf den Weg gemacht, dies herauszufinden.

Rendering
Statue

Mit seinen über 100 Jahren Geschichte zählt Waldameer zu einem der ältesten Vergnügungsparks der USA. 1896 wurde aus einem Picknickplatz der heutige Waldameer Park gegründet. Wie bei vielen Freizeitparks der USA ist die Nutzung als Picknickplatz, mit großen für diesen Zweck ausgelegten Bereichen, erhalten geblieben. Der Park besitzt auch ein eher klassisches Angebot an Fahrattraktionen, aber genau dies macht den Charme des kleinen Familienparks am Eriesee aus. Besonders zu erwähnen sind die Geisterbahn "Whacky Shack" und das Fun House "Pirates Cove". Beide stammen von der Amusement Display Associates of Cape May unter Federführung von Bill Tracy, dem Werner Stengel der Darkride Szene. Seit 1951 steht die Holzachterbahn "Comet" im Park. Sie ist mittlerweile so in die Bäume eingewachsen, dass der Zug oft ganz im grün der Baumkronen verschwindet. Es gab jedoch bereits vor Comet drei Achterbahn im Park, unter anderem den Ravine Flyer, welcher 1922 eröffnet wurde und bis 1938 dort stand. Lange wurde ein Bau eines Ravine Flyer II in Betracht gezogen, die Durchführung des Projektes scheiterte aber immer wieder aus verschiedensten Gründen. So kam es, dass im Jahr 2000 zuerst der Ravine Flyer 3 gebaut wurde, eine Kinderachterbahn. Weitere acht Jahre vergingen bis die Lücke endlich geschlossen werden konnte und der Ravine Flyer II nun über die Schlucht des Waldameer Parks fliegt. Der Name des Parks ist übrigens tatsächlich aus dem deutschen abgeleitet. In einem Buch über die Geschichte des Familienparks lässt sich nachlesen, dass aus den Wörtern Wald am Meer (See) der Parkname Wald-a-meer wurde. Wer heute noch etwas Geschichte im Park schnuppern möchte, der sollte ein Picknick in der Hütte neben dem Ravine Flyer II einplanen. Dies ist die ehemalige Station des Ravine Flyers von 1922.

Hybrid Struktur

Hybrid Struktur

Die Hybridstruktur aus Stahl und Holz

Die noch sehr junge Achterbahnschmiede "The Gravity Group" war mit dem Projekt des Ravine Flyer II beauftragt. Die 2002 gegründete Firma hat sich mit Bahnen wie "Hades" (Mt. Olympus) und "Voyage" (Holiday World) schlagartig einen Namen gemacht. Kaum verwunderlich, sind die Ingenieure doch bereits bei der im gleichen Jahr in Konkurs gegangenen Achterbahnfirma "Custom Coasters International" (CCI) unter Vertrag gestanden. Die bisher kleinste Bahn des Teams ist die nunmehr vierte in dieser noch recht kleinen Familie.

Trotz der vergleichbar geringen Größe des Ravine Flyer II wurde dieser, wie die eben genannten Bahnen, mit einer Hybrid Struktur gebaut. Die tragende Konstruktion besteht hierbei aus Metall, während die Schienen und der Catwalk aus Holz gefertigt sind. Diese Kombination verleiht der Bahn Fahreigenschaften, die sich mit einer reinen Holzachterbahn vergleichen lassen, erlaubt jedoch gleichzeitig geringere Wartungskosten, da weniger Holzteile überprüft und ausgetauscht werden müssen. Die Züge sind wie bei bisher allen Bahnen der Gravity Group von der "Philadelphia Toboggan Coasters, Inc." (PTC) gefertigt worden, der ältesten Achterbahnschmiede der Welt, welche sich mittlerweile auf die Fertigung von Holzachterbahnzügen konzentriert hat.

Ravine Flyer II
Ravine Flyer II
Ravine Flyer II
Ravine Flyer II
Die Schlucht

Der Flug über die Schlucht

Zugegeben, während man durch den Park schlendert sucht man in dieser eher flachen Landschaft vergeblich nach einer Schlucht. Die neue Attraktion finden wir im hinteren Parkteil, in Richtung Eriesee. Doch von der eigentlichen Fahrstrecke ist nur wenig zu sehen. Der Lifthill ist so platziert, dass wir die gesamte "Mainstreet" entlang, wenn man den größeren Weg des Parks so nennen möchte, beobachten können, wie der blaue und der rote Zug abwechselnd die Holz-Metallstruktur erklimmen und dann im Wald verschwinden. Aus der Nähe entdecken wir noch ein paar Steilkurven, die sich flach über dem Boden entlang winden. Nur wer eine Fahrt auf dem nahgelegenen Riesenrad wagt, kann im Vorfeld einen Blick auf die ganze Strecke riskieren. Aber auch die Parkeisenbahn bietet Einblicke, die man von den Wegen aus nicht bekommt. Die Station des Ravine Flyer II lässt sich als einfache Holzhütte mit offenen Wänden beschreiben. Sie erfüllt ihren Zweck, versteckt sich aber unauffällig zwischen den Bäumen und den anderen Gebäuden. Die Warteschlange ist verhältnismäßig kurz gehalten und verbirgt sich zwischen dem Stationsgebäude und einem flachen Camelback der Bahn. Beim Erklimmen der Schräge hoch zur Station ist gut zu sehen, dass das Gelände hinter dieser Ebene nach unten hin abfällt. Hier muss sich die namengebende Schlucht befinden. Doch mehr bekommen wir hier einfach nicht zu sehen, also stellen wir uns für einen der 24 Plätze des Zuges an und wagen eine Fahrt ins Blaue.

Ravine Flyer II
Ravine Flyer II
Ravine Flyer II
Ravine Flyer II
Übersicht

Zug

Zug

Atemloser Geschwindigkeitsrausch

Der Zug verlässt in einer Linkskurve den Bahnhof und fährt sofort auf den doch recht klein wirkenden Lifthill auf. Auf der 24 Meter hohen Spitze wehen bunte Fähnchen im Wind. Schnell hat unser Zug den höchsten Punkt der Bahn erreicht. Ganz gebannt vom Panorama auf den Eriesee schauen wir nicht nach unten. Doch schlagartig nimmt die Bahn ihr Tempo auf und donnert den vorgegebenen Holzpfad hinab ins Tal. Die Strecke biegt während des Sturzes nach rechts ab, direkt in den ersten Tunnel hinein. Für einen sehr kurzen Moment wird es dunkler, dann tauchen wir wieder in das gleißende Licht nach draußen und überfliegen in einem flach gehaltenen Hügel die Schlucht. Da war sie, für einen Sekundenbruchteil haben wir einen Blick darauf erhaschen können. Doch der Zug setzt seinem Weg in unglaublichem Tempo fort. Eine angetäuschte Rechtskurve wirft sich nach links und wir unterqueren einen Teil der noch folgenden Strecke. Wieder ein Wechsel in eine Rechtskurve die sich nach oben windet. Den Zug scheint den Höhenunterschied nicht zu stören, denn wir werden kein bisschen langsamer. Rasant tauchen wir wieder nach unten ab. Von hier hat man abermals die Chance die kleine Schlucht zu sehen, die der Zug nun zum zweiten mal überqueren wird. Unter der gewölbten Brücke, über die der Zug jetzt wieder donnert führt eine breite öffentliche Straße. Erneut verschwinden wir ein einem dunklen Tunnel und verlieren kurz die Orientierung. Wieder im Freien folgt ein flacher Camelback, ein sehr kurzer Tunnel und eine scharfe Linkskurve. Jetzt rattern wir über einen etwas größeren Hügel. Es ist der, den man vom Anstehbereich der Bahn beobachten konnte. Unser Zug entwischt in einer fast 180° Linkskurve den Blicken der Wartenden und überfliegt noch einen weiteren Camelback, der sich hinter dem ersten größeren versteckt hält. Was nun vor uns auftaucht sieht aus wie eine Bretterwand. Der Zug wirft sich nach rechts und fährt eine 90° steile Kurve entlang. Die hohen G-Kräfte halten uns aber sicher im Sitz. Langsam kommt der Horizont wieder in die Waagrechte und es geht weiter abwärts, wieder den Berg hinab. Noch in derselben Rechtskurve geht es schon wieder Bergauf. Noch etwas Rechtskurve und weiter geht es über einen weiteren Hügel. Nach einer letzten Rechtskurve wird unsere atemlose Fahrt von der Schlussbremse gestoppt. Langsam rollen wir um die Kurve und wieder in den Bahnhof hinein.

Ravine Flyer II
Ravine Flyer II
Ravine Flyer II
Ravine Flyer II
Technische Daten
Hersteller:The Gravity Group
Cincinnati, Ohio
Eröffnung:17.05.2008
Höhe:24 Meter
Länge:884 Meter
Topspeed:92 km/h
Besonderes:Hybride Struktur aus Holz und Stahl
90° steile Kurve
Kosten:6 Millionen Dollar
Ravine Flyer II

Wer beim Anblick des Ravine Flyer II eine zahme Familienachterbahn erwartet, liegt falsch. Die Bahn täuscht durch ihre Größe und die versteckten Streckenteile über ihr wahres Potential hinweg. In einem scheinbar immer schneller werdenden Tempo rauscht der Zug über die kaum einprägsame Strecke hinweg, was auch nach mehreren Fahrten immer wieder Überraschungsmomente verspricht. Die Bahn hat kurze und intensive Airtimemomente, bei denen man aber noch mehr erwartet hätte. Ansonsten zeigt der Ravine Flyer II seine Zähne und lässt auch keinen Zweifel daran, ein Kind der Gravity Group zu sein. Die fast schon zum Markenzeichen gewordene 90° steile Kurve ist ein Höhepunkt der Fahrt. Trotz der starken Richtungswechsel und den scheinbar willkürlich wechselnden G-Kräften bleibt in den PTC Zügen ein gewisser Fahrkomfort erhalten. Man könnte meinen, der Ravine Flyer II sei schon eine Spur zu hart für den Familienpark am Eriesee. Die begeisterten Gesichter der Fahrgäste aller Altersklassen sagen aber etwas anderes und beweisen, dass die Wahl einer Holzachterbahn der Gravity Group für Waldameer die richtige Entscheidung gewesen ist.

Text: Lifthill.net - ob | Fotos: Lifthill.net