Raptor

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04/2011
Raptor

X-Labs - Der neue Themenbereich im Gardaland

Es ist ein sonniger Tag in Castelnuovo del Garda (Italien). Der Wind streicht sanft über die weißen Kirschblüten am Ufer des Gardasees. Forsythien hinterlassen erste gelbe Farbtupfer in der Kulisse der noch schneebedeckten Alpen. Eine Urlaubsidylle wie aus dem Bilderbuch. Nur wenige Segelschiffchen und Motorboote sind an diesem 1. April auf dem Wasser unterwegs. Es herrscht Ruhe in der mediterranen Poebene.

Doch der Schein trügt. Nur wenige Meter vom Ufer entfernt raschelt es in den Baumwipfeln. Ein grüner Schatten huscht vorbei, begleitet von gellenden Schreien die gleich darauf wie verschluckt verstummen. Was war das? Abermals dringen kurze Schreie zwischen den Bäumen hervor. Wir erhaschen einen Blick auf die Kreatur. Ein Ding mit mehreren Flügeln, unglaublich wendig, tobt und wütet herum. Was geschieht dort im Gardaland?

Raptor
X-Labs

Hauptgebäude der X-Labs

Raptor

Sicherheitsbereich um die X-Labs

Bereits letzten Sommer verdichteten sich die Zeichen, dass auf dem Gelände der ehemaligen „Tunga – The Ape Man“ Bootsfahrt etwas nicht in Ordnung ist. Diese Attraktion wurde entfernt um Platz für eine neue Achterbahn zu schaffen. Doch schon in der frühen Bauphase waren mysteriöse Beben im ganzen Park wahrzunehmen. Schnell wurde das Gelände von Männern in Schutzanzügen abgeschirmt, welche die Umgebung, aber auch die verwirrten Parkgäste, auf elektromagnetische Strahlen hin untersuchten. Die sogenannten „X-Labs“ machten sich auf dem Areal breit um die Vorfälle zu untersuchen. Kurze Zeit später wurde bei weiteren Ausgrabungen dann ein 1 Meter großes Ei freigelegt. Zuverlässige Quellen berichteten, dass sich im Inneren des Eies etwas bewegt haben soll. Etwas was nie gefunden hätte werden dürfen.

Zugegeben, die Geschichte die das Gardaland hier um seine neue Attraktion herum gewoben hat ist nicht ganz neu. Das die zuständige Kreativ Abteilung der englischen Merlin Studios sich hier stark bei Alton Towers „Nemesis“ bedient hat ist so offensichtlich, wie die gesamte Marketing Aktion „very british“ daher kommt. Dennoch, oder gerade deshalb, stieg die Vorfreude auf die neue Attraktion an. Nicht nur dass nach fünf langen Jahren endlich wieder ein neuer B&M Coaster (Bolliger & Mabillard) in Europa entstand, nein, es sollte auch gleich ein völlig neuer Achterbahntyp im Portfolio des Schweizer Ingenieurbüros werden. Doch völlig neu ist der „Wing Coaster“ aus Monthey natürlich nicht.

Zug

Ein Blick in die Vergangenheit: Nachdem sich 2001 Arrow Dynamics zum ersten Mal mit „X“ (Six Flags Magic Mountain) daran versuchte, die Sitze eines Achterbahnzuges an einer Traverse neben dem Fahrgestell zu befestigen, zudem noch um die eigene Ache drehbar, folgte lange nichts mehr. Zu groß waren die technischen Probleme die dieses zugegebenermaßen sehr revolutionäre Konzept mit sich brachte. Erst 2006 baute S&S Power im japanischen Fuji-Q Highland mit „Eejanaika“, den zweiten sogenannten 4th Dimension Coaster. Die Fahrt ist dank verbesserter Technik weicher und in etwa vergleichbar mit den heutigen Fahreigenschaften von „X“, die 2008 neue Züge bekam und seither „X2“ heißt. Trotzdem haben beide Anlagen noch reichlich Verbesserungspotenzial. Auch der Versuch der liechtensteiner Achterbahnschmiede Intamin mit ihren „Wing Rider“ Zügen (Furios Baco, PortAventura Park - 2007 ) blieb recht erfolglos, obwohl man hier schon auf die drehbare Achse der Sitze verzichtete und diese statisch auf hing. Doch die Vibrationen der Ausleger machen die Fahrt sehr unangenehm. Mit Raptor hat sich nun die schweizer Edelschmiede B&M an die Umsetzung gewagt. Was dabei herauskam möchten wir nun genauer beleuchten.

Titel

X2 - Six Flags Magic Mountain

Titel

Eejanaika - Fuji-Q Highland

Titel

Furius Baco - PortAventura

Titel

Raptor - Gardaland

X-Labs

Spuren der Zerstörung

Bahnhof

Das unterirdische Labor

Der Themenbereich mit den X-Labs liegt erhöht auf einem Berg, sodass Raptor, trotz seiner eher geringen Höhe, beinahe vom ganzen Park aus gesehen werden kann. Durch ein großes Sicherheitstor betreten wir den mit Stacheldraht und hohen Zäunen eingegrenzten Bereich. Zur Linken steht das Labor in dessen Keller der Raptor festgehalten wird. Rechterhand ragt ein hoher Wachturm über einen kleinen See. Doch die Stahlkonstruktion ist zerborsten. Die dunkelgrauen Schienen des Raptor schlängeln sich zwischen den einzeln davon ragenden Stahlträgern durch und winden sich wenige Meter dahinter durch einen in der Mitte gespaltenen Baum. Der Raptor muss in diesem Areal bereits ziemlich gewütet haben. Wir gehen geradeaus in den ebenfalls von hohen Zäunen begrenzten Anstehbereich, vorbei an den zwei Wissenschaftlern, die mit Argusaugen die Besucher kontrollieren. Besonders die mit zu viel Gepäck werden zurückgeschickt an die Schließfächer. Kleinere Taschen kann man jedoch auch im Bahnhof zurücklassen. Während des gesamten Wartebereichs hat man eine gute Einsicht auf Raptor und kann sich einen ersten Überblick verschaffen. Die Warteschlange endet nach mehreren Zick-Zack Passagen vor dem Eingang der X-Labs. Vor zwei Drehkreuzen trennen sich die Wege nach links und geradeaus in den Bahnhofsbereich hinein. Noch jeweils eine Treppe hinab und wir stehen in dem großen Keller, der von zahlreichen Strahlern hell erleuchtet wird. In der Mitte des Raumes ruht der Raptor. Schwere Kanonen hängen von der Decke herab und zielen auf den noch regungslosen Panzer des Ungetüms. Doch bevor wir die erste Fahrt mit dem Raptor wagen, sehen wir uns das Zugdesign näher an.

Raptor
Raptor
Raptor
Raptor
Zugdesign

Einer der beiden Raptor Züge

Insektenartige Augen auf dem ersten Wägen starren apathisch zur Seite. Die Auffahrstopper ragen wie Giftzähne nach Vorne. Weit ausladende Flügel sind wie zu einer Drohgebärde aufgerichtet. Der Panzer der Bestie schimmert matt und reflektiert die Neonbeleuchtung in diesem unterirdischen Betonkäfig.

Selten war ein Achterbahnzug jemals so ästhetisch und bedrohlich zugleich. Doch nicht nur das Design ist Weltklasse, auch bei der Technik ging man neue Wege. Statt der recht wuchtigen Überrollbügel die sonst bei B&M Bahnen zum Einsatz kamen, hat man bei Raptor zu einer leichten Abwandlung der schlanken Westenbügel entschieden, die sonst auf den B&M Flying Coaster eingesetzt werden. So hat man in den gewohnt komfortablen Sitzschalen einen festen Halt, ohne sich über einen unangenehmen Bügelkontakt während der wendigen Manövern Gedanken machen zu müssen. Die Beine haben großzügigen Spielraum zu allen Seiten. Lediglich auf den inneren Plätzen ist eine Schienbeinsperre in Richtung Fahrwerk angebracht, die aber während der Fahrt nicht weiter stört. Die Abstände der einzelnen Reihen zueinander sind sehr groß, so dass man selbst auf den inneren Sitzen eine freie Sicht nach Vorne hat. Insgesamt finden je 28 mutige Passagiere in einem der beiden Raptorzüge Platz.

Raptor
Raptor
Raptor
Raptor
Raptor

Vorbei an den X-Labs...

See

...über den See...

Wachturm

...und vorbei am Wachturm

Nachdem der Zug voll beladen ist, beginnen die Strahler im Bahnhof zu flackern und fallen schließlich ganz aus. Dieser kurze technische Defekt wird vom Raptor sofort zur Flucht genutzt.

An den weit ausladenden Schwingen der Kreatur hängend verlassen wir durch einen niedrigen Schacht das unterirdische Labor und erklimmen sehr zügig den sich direkt anschließenden Lifthill. Von den kahlen Seitenwänden hallt das Geschrei des Raptor bis er den Weg ins Freie gefunden hat. Der Lifthill wirkt von hier auf den ersten Blick nicht besonders hoch, doch die erste Abfahrt führt vom Berg bis in die Westernstadt hinab. Der 18 Tonnen schwere Zug gewinnt schnell an Fahrt und reist uns hinab. Überraschend intensiv ist diese erste Abfahrt. Nach einem hohen Umschwung geht es zurück auf den Berg wo die X-Labs stehen. In einer übermütigen Rolle stürzt sich der Raptor auf das Dach des großen Gebäudes und hinterlässt eine in viele Teile gesprungene Deckenplatte sowie ein großes Loch in der Wachbrücke. Das Biest wirft sich nach links überfliegt einen kleinen Hügel und durchquert eine Korkenzieherpassage die kurz über dem See endet. Den Felsen ausweichend folgt eine starke Rechtskurve durch eine kleine Höhle. Wir tauchen durch den Wasserfall und streifen mit den Flügeln beim Wenden beinahe nochmals die Wasseroberfläche. Eine noch engere Linkskurve endet kurz vor dem Wachturm. Hier passen wir mit den breiten Flügeln unmöglich vorbei. Doch der Raptor dreht sich zur Seite und durchquert die engen Stahlträger des Wachturms kopfüber durch die dahinterliegenden massiven Stützen. Kaum wieder hochkant fliegt er weiter durch die Enge des gespalteten Baumes hindurch und vollendet diese 360° Drehung mit einem Flug durch ein Stahlgitter das einen Nebel auf den Raptor sprüht. Wir wissen nicht was diese wissenschaftliche Konstruktion genau ist, die von den X-Labs hier montiert wurde, aber sie hat das Vieh beruhigt. Unter dem leisen Zischen der Bremsen kommt der Raptor schließlich zum Stehen. Er rollt noch eine Kurve hinab, die wieder im unterirdischen Labor endet. Dort können wir schließlich aus den Fängen dieser Bestie befreit werden.

Onride
Onride
Onride
Onride
Technische Daten:
Hersteller:Bolliger & Mabillard
Monthey, Schweiz
Eröffnung:01.04.2011
Höhe:33 Meter
Länge:770 Meter
Topspeed:90 km/h
Steilste Abfahrt:65°
Zuglänge:15 Meter
Zuggewicht:18 Tonnen
Räder pro Zug:84
Streckenteile:76
Raptor

Flug durch das enge Stahlgitter

Der neue Themenbereich rund um die X-Labs ist absolut gelungen. Konzept und Thematisierung sind durchgängig und stimmig umgesetzt und wirken rund. Man könnte sich durchaus vorstellen dass der Bereich weiter ausgebaut wird.

Bewertet man die reine Fahrtstrecke von Raptor, ist den Kreativen ein guter solider Roller Coaster gelungen, wie man ihn von B&M erwarten konnte. Ganz klar ist jedoch, erst die Symbiose aus Gestaltung und Fahrverlauf machen Raptor zu etwas Besonderem. Auch das Design der Züge ist schlichtweg als spitze zu bezeichnen, dennoch muss angemerkt werden, dass daraus kein völlig neues Fahrerlebnis resultiert. Raptor macht in den Inversions Passagen mit ihren tollen „near miss“ Effekte Spaß, welche auch bei Wiederholungsfahrten für den ein oder anderen kurzen Schreckmoment sorgen. Freunde von gepflegter Airtime werden bei Raptor leider nur recht mager bedient. Höchstens beim First Drop, der wie oben erwähnt intensiver wirkt als er aussieht, hebt es einen dezent von der Sitzschale. Die kurze Strecke ist abwechslungsreich genug gestaltet, dass man sich auch nicht weiter daran stört das sich alle Inversionen gegen den Uhrzeigersinn drehen.

Zu den Fahreigenschaften: Insgesamt fährt die Bahn recht angenehm, wobei man auf den äußeren Sitzen an manchen Stellen ein leichtes „Hoppeln“ wahrnimmt. Dies wirkt sich umso stärker aus, je weiter Hinten man im Zug Platz nimmt. Die Westenbügel entlasten diese geringe Unruhe im Fahrverlauf aber vollends.

Ein Besuch im italienischen Gardaland war wegen seinem breiten Attraktionsangebot und der liebevollen Gestaltung schon immer lohnenswert. Einzig die reine Achterbahnqualität konnte bisher nicht unbedingt überzeugen. Dies hat sich durch Raptor nun schlagartig geändert. Nun bietet der Park allen Achterbahnbegeisterten einen triftigen Grund einen Ausflug nach Norditalien zu unternehmen, um sich vom Raptor durch die Lüfte tragen zu lassen.

Text: Lifthill.net - ob, gs | Fotos: Lifthill.net