Ein ruhiger Strand an der Küste von New England. Eine leichte Brise weht an dieser warmen Sommernacht über das stille Meer, der Vollmond glänzt hell im Wasser. Wir lassen uns entspannt im Wasser treiben und genießen diesen perfekten Urlaub. Unbemerkt bilden sich in der Nähe kleine Wellen an der Wasseroberfläche. Fast lautlos ragt eine graue Flosse aus dem Wasser hervor und nähert sich uns mit hoher Geschwindigkeit, während wir noch ahnungslos die Sterne am Himmel bewundern. Plötzlich und ohne Vorwarnung rauscht direkt vor uns ein riesiges Biest aus dem Wasser hervor, sein Maul weit aufgerissen mit seinen großen, spitzen Zähnen...
Diese Szene erinnert sofort an einen ganz bestimmten Film: "Jaws", deutscher Titel "Der Weiße Hai", ist ein Klassiker der Filmgeschichte aus dem Jahr 1975 vom Regisseur Steven Spielberg mit dem unverwechselbaren Soundtrack von John Williams, Distributor war Universal Pictures. Die Geschichte spielt sich im beschaulichen Touristenort Amity in New England ab, wo es mitten in der sommerlichen Hochsaison zu mehreren Attacken durch einen weißen Hai kommt. Nur durch seinen unerschütterlichen Einsatz und gegen fast Jedermann im Ort konnte Polizeichef Martin Brody schließlich den Hai finden und vernichten.
Für die populäre Studio Tour in den Universal Studios Hollywood wurde bald darauf eine neue Szene eröffnet, bei der die Studio Tram vom bösen weißen Hai angegriffen wird. Einige Jahre später begannen die Planungen für einen neuen Universal Studios Themenpark in Orlando, Florida. Neben Attraktionen zu E.T., Terminator und King Kong sollte nun auch der weiße Hai seine eigene Attraktion samt Themenbereich erhalten. Der Park und die Attraktion öffneten am 7. Juni, 1990.
Den Besucher erwartete eine atmosphärische Kleinstadt im typischen Stil von New England. Für die Hauptattraktion, Jaws, wurde ein großer künstlicher See angelegt. Hier verkehrten insgesamt maximal 8 Boote, in denen bis zu 48 Personen (8 Reihen für je 6 Personen) Platz fanden, die maximale Kapazität der Attraktion betrug 2500 Personen pro Stunde. Ähnlich wie bei der Jungle Cruise in den Disney-Parks wurde ein für den Parkgast nicht sichtbares Schienensystem auf dem Boden des Sees verlegt, welches den Fahrtweg bestimmte. Die Boote selbst schwammen normal auf dem Wasser und wurden mit einem Dieselmotor angetrieben. Durch eine Mittelinsel und der geschickten Anordnung der Thematisierung wurde sichergestellt, dass während der 5 Minuten dauernden Fahrt ausschließlich die Szenen und Showeffekte zum eigenen Boot sichtbar waren.
Jaws stand schon von Anfang an unter keinem guten Stern. Universal setzte für viele seiner neuen Attraktionen in Florida auf komplexe neue Fahrsysteme in Kombination mit vielen Spezialeffekten. Insbesondere bei Kongfrontation, Earthquake und Jaws gab es zur Eröffnung massive Probleme. Doch während man bei den ersten beiden die Probleme soweit möglich in den Griff bekommen konnte, fand man bei Jaws keine zufriedenstellende Lösung, beinahe täglich gab es Ausfälle, die eine Evakuierung der Fahrgäste notwendig machten. Nach vielen erfolglosen Versuchen, die Probleme in den Griff zu bekommen, entschloss man sich schließlich nur kurze Zeit nach Eröffnung dazu, das gesamte Fahrsystem und diverse Elemente der Thematisierung komplett zu entfernen und mithilfe eines anderen Unternehmens neu zu bauen. Während der erste Teil der Fahrt nahezu unverändert blieb, gab es in der zweiten Hälfte gravierende Änderungen: Entfernt wurden u.A. Szenen, in denen der Hai das Boot packt und dreht und am Ende durch eine Granate in seinem Körper von innen explodiert. Dafür gab es diverse neue Thematisierungselemente auf dem See und eine große Menge an Explosionen und andere Feuereffekte. Die Boote der alten Version wurden nach Las Vegas an den MGM Grand Adventures Park verkauft für die dortige Attraktion Backlot River Tour, welche leider nur 3 Jahre von 1993 - 1996 in Betrieb war. Die neue Version von Jaws eröffnete im Frühjahr 1993 und funktionierte deutlich zuverlässiger.
Doch nach 12 Jahren gab es einen erneuten Rückschlag: Wegen dem extrem gestiegenen Ölpreis blieb die Attraktion fast das ganze Jahr 2005 über geschlossen und wurde anschließend nur an volleren Tagen geöffnet mit reduzierter Kapazität und Feuereffekten, um Kosten zu sparen. Erst im Februar 2007, nach vielen Beschwerden von Besuchern, öffnete Jaws wieder regulär.
Doch die grundlegenden Probleme der hohen Kosten für Diesel, Skipper und Wartung blieben. So war es nur eine Frage der Zeit, bis das Ende der beliebten Attraktion kommen würde. Am 2. Januar 2012 schließlich wurde "Jaws" mitsamt dem zugehörigen Themenbereich "Amity Island" für immer geschlossen und anschließend abgerissen, um Platz für neue Attraktionen zu schaffen.
Riskieren wir eine Reise zurück durch die Zeit direkt nach Amity Island, New England!
Schon beim Betreten des charmanten Touristenstädtchens wird klar, welcher Tag heute ist: Überall hängen amerikanische Flaggen und Banner, es herrscht eine ausgelassene Stimmung – es ist der amerikanische Unabhängigkeitstag, der 4. Juli! Wir spazieren über die Strandpromenade und stehen bald vor einem großen Bootsschuppen. "Captain Jake's Amity Boat Tours" steht auf einem Schild über dem Eingang – was gibt es schöneres als eine entspannende Bootsfahrt an einem so wundervollen Tag? Einer der angestellten 'Skipper' begrüßt uns freundlich, wie wir voller Vorfreude eintreten. Während unserer Wartezeit läuft das örtliche Fernsehen (WJWS Channel 13) und informiert uns über aktuelle Veranstaltungen, Freizeitangebote und wichtige Themen des Tages auf Amity Island. Die eher zweifelhaften Angebote sorgen bei uns eher für beherzte Lacher anstatt richtigem Interesse – aber auch etwas Sorge macht sich breit: Was können wir von Captain Jake's Amity Boat Tours erwarten? Eine Werbekampagne preist die generalüberholten Boote an, es gibt jetzt sogar Sitze und ein Dach! Aber keine Zeit, sich weiter Gedanken zu machen, denn kurze Zeit später sitzen wir schon in unserem Boot. Die Tour kann beginnen!
Kaum haben alle ihre Plätze eingenommen, erklärt unser Skipper uns ein paar grundlegende Sicherheitsregeln. Im Falle einer Hai-Attacke sind wir perfekt geschützt dank eines 40mm Granatwerfers! Eine kurze Rückmeldung zur Basis und schon schippern wir los auf unserer Tour an Bord von Amity 6. Nun stellt sich unser Skipper nochmals richtig vor und heißt uns willkommen zur besten – und einzigen – Sightseeing-Bootsfahrt auf Amity Island und zur Fahrt zu den Orten, bei denen es im Jahre 1974 die vielen tödlichen Angriffe von dem weißen Hai "Jaws" gegeben hat. Gemütlich schippern wir vorbei am Haus vom Polizeichef Martin Brody, der damals den Hai getötet hatte und damit zur Legende wurde.
Weiter im Text kommt unser Skipper nicht, denn plötzlich unterbricht ihn ein Hilferuf. Kaum verständlich schreit Skipper Gordon von Amity 3 um Hilfe, bevor das Signal abreißt. Was ist passiert? Die Basis hat noch keine weiteren Informationen und wir fahren weiter mit einem mulmigen Gefühl, immer auf der Suche nach dem vermissten Boot. Kurz hinter dem Leuchtturm der Schock: Das Wrack von Amity 3 sinkt gerade ins Meer! Dafür kann es nur einen Grund geben... Auf einmal taucht in der Entfernung eine Haiflosse aus dem Wasser und kommt auf uns zu! Der Skipper ist außer sich und ruft verzweifelt die Basis nach Hilfe. Der Hai taucht unter unser Boot und bringt es zum schaukeln. Die Basis antwortet, er soll den Granatwerfer verwenden – das Ding ist tatsächlich geladen? Die Flosse des Hais taucht auf der anderen Seite wieder auf, ein Schuss, eine gewaltige Wasserfontäne. Verdammt, verfehlt! Ein zweiter Schuss – wieder daneben! Was sollen wir tun? Unser Skipper beschließt, mit dem Boot in ein altes Bootshaus zu fahren und dort Schutz zu suchen.
Kaum drinnen, wird es dunkel und still. Sind wir in Sicherheit? War das ein Geräusch in der Ecke? Unser Skipper nimmt seine Taschenlampe und leuchtet durch das Bootshaus. Schon wieder ein Klappern, und es kommt näher! Vor uns fallen alte Fischerboote ins Wasser. Der Hai ist hier und wir sitzen in der Falle! Nichts wie raus hier! Unser Skipper versucht das Boot in Bewegung zu setzen, doch die Gangschaltung klemmt. Direkt neben uns kippen Wasserfässer um. Endlich, das Boot bewegt sich wieder, volle Kraft voraus. Das rettenden Tor kommt immer näher, doch auf einmal taucht auf Steuerbordseite der Hai aus dem Wasser und attackiert unser Boot!
Knapp entkommen wir in die Freiheit nach draußen – doch was nun? Endlich, Polizeichef Brody meldet sich über Funk, er kommt zu uns in 10 Minuten. 10 MINUTEN? Wir sind Haifischhäppchen in 10 Minuten! Unser Skipper lenkt das Boot voller Verzweiflung auf das offene Meer, rennt panisch nach links und rechts auf der Suche nach dem Hai. Plötzlich, diesmal auf Backbordseite taucht er erneut auf und startet die nächste Attacke! Völlig überrascht drückt der Skipper mit seinem Granatwerfer ab und verfehlt nicht nur den Hai erneut, sondern trifft direkt die großen Benzintanks am Ufer. Die enorme Hitze der riesigen Explosionen scheint uns zu verbrennen – und als wäre das nicht schon genug, reißt auch noch eine Benzinleitung und das entzündete Benzin bildet eine enorme Feuerwand auf dem Wasser direkt vor uns. Eingesperrt vom Feuer mit einem aggressiven Hai irgendwo im Wasser unter uns bleibt uns nur der Weg durch die Hölle – wir steuern mit voller Kraft direkt auf die Feuerwand zu! Doch das Glück ist auf unserer Seite, das Feuer erlischt kurz vor uns und zudem sehen wir vor uns an Land ein altes Fischerdock – ist das die Rettung?
Doch so schnell das Glück gekommen ist, so schnell ist es wieder vorbei: Wir haben das rettende Ufer noch lange nicht erreicht, da taucht in der Entfernung wieder die Flosse des Hais aus dem Wasser auf. Unser Skipper hält das Boot direkt vor einem Hochspannungskabel an. Der Hai kommt näher und näher – haben wir noch eine Chance? Sind das die letzten Sekunden vor einem qualvollen Tod? Der Hai rauscht bedrohlich aus dem Wasser, direkt auf uns zu – und beißt genau in das Hochspannungskabel vor uns. Gleichzeitig feuert unser Skipper mehrere Granaten direkt auf den Jäger der Meere. Heißer Qualm steigt auf, Wasser schießt in die Höhe und schwappt direkt in das Boot und nach einer gefühlten Ewigkeit fällt der Hai zurück ins Meer. Sekunden der Ungewissheit verstreichen. Dann taucht der verkohlte Rest des Raubfisches wieder aus dem Wasser auf. Plötzlich, eine letzte Regung – doch der Skipper kontert schnell mit einem weiteren Schuss aus seinem Granatwerfer. Der weiße Hai ist besiegt! Unsere Panik und Verzweiflung verwandelt sich allmählich in pure Freude: Wir haben es tatsächlich geschafft, wir kehren lebend und unversehrt zurück! Unser Skipper manövriert uns erleichtert zurück zur Anlegestelle, während wir laut jubelnd und klatschend unserer Freude Ausdruck verleihen. Eine letzte Anmerkung kann er sich dann nicht verkneifen: Wir sollten doch besser unsere kleine 'Fischgeschichte' für uns behalten – für das Wohl von Captain Jake's Amity Boat Tours und Amity Island. Mit tosendem Applaus verlassen wir unser Boot und unseren Skipper und kehren zurück nach Amity, wo es so friedlich und fröhlich ist wie immer...
| Technische Daten: | |
|---|---|
| Eröffnung: | 07.06.1990 |
| Länge: | 350 Meter |
| Topspeed: | 2 Knoten |
| Fahrzeit: | ca. 5 Minuten |
| Kapazität: | 2500 P/h |
| Besonderes: | Die Hai-Animatronics bewegen sich mit bis zu 6 m/s durch das Wasser |
| Kosten: | 45 Millionen USD |
Jaws war eine sehr spezielle Attraktion von den Universal Studios Florida. Die Mischung aus technisch anspruchsvoller Fahrattraktion, spektakulären Effekten und einem schauspielernden Skipper auf jedem Boot führte zu einem sehr intensiven und einzigartigen Erlebnis. Dabei war jede Fahrt etwas anders dank den Skippern, die ihre Show jeweils auf eine ganz eigene Art und Weise spielten. Wer Amity Island mit Jaws noch nie erleben konnte oder es noch einmal möchte hat jedoch noch eine Chance: Eine fast identische Version der Attraktion steht in den Universal Studios Japan in Osaka – selbstverständlich reden die Skipper dort japanisch. Für Orlando bleibt aber nur, mit einem wehmütigen und einem freudigen Auge nach Vorne zu blicken zu den wahrhaft zauberhaften Dingen, die uns dort bald anstelle des amerikanischen Ausflugsziels mit seinem gefährlichen Meeresbewohner erwarten werden.
"Jaws": 1990 - 2012
| Weiterführende Links: |
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| » Fotogalerie Jaws » Parkhomepage |