Insane

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08/2009
Panorama

Blick auf die ungewöhnliche Stahlkonstruktion

Von Zeit zu Zeit braucht es verrückte Ideen, um anstehende Schwierigkeiten zu lösen. Besonders bei Stadtparks wie Gröna Lund / Stockholm sorgt der Flächenbedarf von neuen Anschaffungen immer für Kopfzerbrechen und führt oftmals zu extrem kreativen Lösungen der Attraktionspositionierung. Da werden dann schon einmal z.B. mehrere Achterbahnen übereinander und ineinander verschlungen gebaut.

Dass es aber auch anders geht, zeigt der sympathische Park mit seiner neuesten Errungenschaft, dem Zac Spin Coaster INSANE von Intamin. Anders als die beiden schon existierenden Anlagen Kirnu (Finnland) und Inferno (Spanien) wurde hier jedoch die Größe um einiges erhöht. Dies im Hinblick auf die Streckenlänge und Fahrtdauer, aber auch auf die Außenwirkung: die Anlage befindet sich direkt an Ufer in Nachbarschaft zur Fähranlegestelle und begrüßt so schon weithin sichtbar ankommende Passagiere, die sich staunend an der Reling drängen und den Fahrgästen immer gerne zuwinken.

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Station

Bahnhofsbereich

Der Coaster selbst ist in zwei Farben gehalten, die Schiene ist weiß gestrichen und die Stützen in einem kräftigen Lilaton. Bei Sonnenschein leuchtet die Bahn wunderschön im blauen Himmel und die 5 Wägen mit jeweils verschieden farbigen Dekoscheiben (blau, gelb, rot, schwarz und pink) flitzen die gewundene Strecke herunter, die jauchzenden Passagiere mit sich in die Tiefe reißend. Je nach Beladung der Sitze kann durch die frei drehenden Gondeln dabei eine relativ ruhige oder aber eine durchaus wilde Fahrt entstehen.

Der Bahnhof der Anlage ist prinzipbedingt zweiseitig begehbar, die Unterteilung in links oder rechts findet unten in der Warteschlange statt, bevor es die Treppe nach oben geht. Im unteren Stockwerk befindet sich auch die Wartungshalle für die Gondeln, welche über eine Hebebühne durch eine Klappe im Bahnhofsboden nach unten geholt werden können.

Hydraulikaggregat

Hydraulikaggregat

Neben dem Doppelkettenlift werden auch sämtliche Transportreibräder im Bahnhof und auf der Blockbremse auf halber Strecke über Hydraulikmotoren angetrieben. Diese werden über gemeinsame Öl-Druckleitungen versorgt. Das sorgt einerseits für eine sehr geringe Geräuschentwicklung, zum Anderen ist die Wartung dieser Antriebe einfacher als die von normalerweise für diesen Zweck verwendeten starken Elektromotoren. Den gesamten Öldruck erzeugen zwei Hydraulikpumpen in einem separaten, schallgedämmten Seitengebäude. Notwendigerweise, da auch hier der Abstand zu den Besuchern minimal ist.

Die komplette Verkabelung und Installation vor Ort wurde in Eigenregie durchgeführt, um eventuelle Fehlerbeseitigungen schnell ohne Zeitverzögerungen wegen Wartens auf externe Firmen durchführen zu können, da der Park aufgrund der kurzen Saison Ausfallzeiten möglichst kurz halten will und muss. Auch sind genügend Ersatzteile für Elektrik und Hydraulik vor Ort vorhanden zum sofortigen Austausch bei einem Defekt.

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Lift

Steil Bergauf

Wir begeben uns durch die - zugegebenermaßen etwas karge - Wartezone in Richtung des Bahnhofs. Der Wartebereich befindet sich unterhalb des Einstiegs und besteht hauptsächlich aus Comicdrucken an der Wand und Zickzack-Warteschlangen. Primäres Augenmerk der Parkcrew während des Aufbaus lag darauf, die Bahn rechtzeitig zu Saisonstart zuverlässig fahrbereit zu bekommen, wobei man aber bei der gewohnt guten Gestaltung des restlichen Parks davon ausgehen kann, dass in der nächsten Winterpause hier noch einiges passieren wird.

Gespannt nehmen wir in einem der achtsitzigen Wagen Platz, wobei vier Personen auf jeder Seite der Schiene mit dem Rücken zueinander sitzen. Die Mitarbeiter achten streng darauf, dass die frei aufgehängten Gondeln gleichmäßig beladen werden, da die Gewichtsverteilung während der Fahrt für mehr oder weniger Schaukeln und Überschläge verantwortlich ist. Eine komplett einseitige Beladung wird nicht freigegeben, dies würde zu extremen Fahrten mit ständigen Überschlägen führen, die der Park den Besuchern nicht zumuten will und kann.

Insane

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Die Schulterbügel gehen zu, eng aber nicht unangenehm schmiegt sich der zusätzliche innere Textilbügel an den Oberkörper. Nach der obligatorischen Kontrolle wird noch der Gurt geschlossen und mit einem leisen Zischen der Hydraulikventile setzt sich der Wagen in Richtung des Kettenlifts in Bewegung. Kurz vor Ende des Bahnhofs endet auch die Führungsschiene für die Gondelneigung und nun zeigt sich, ob die Mitarbeiter die Gewichte der Mitfahrer gut eingeschätzt haben. In unserem Fall neigt sich die Gondel recht deutlich auf eine Seite, was auf einige Drehungen während der Fahrt hoffen lässt. Mit einem leichten Ruck greifen die beiden Mitnehmer der Ketten an den Wagen und ziehen uns in Richtung Himmel. Durch die Doppelketten-Anordnung kann die sonst bei Achterbahnen notwendige Rücklaufsperre mit ihren Zahnstangen entfallen, was sich angenehm im niedrigen Geräuschpegel des Lifts bemerkbar macht.

Ein paar Meter später beschleunigen die Ketten merklich und wir steigen empor. Je nach Sitzrichtung sehen wir auf den Park oder in Richtung Wasser und Altstadt. Nach Erreichen des Gipfels starten wir gleich mit einem kleinen Tal, in das wir rasant eintauchen und an Fahrt aufnehmen. Eine längere gerade Strecke - die Einzige außerhalb des Bahnhofs und der kurzen Blockbremse übrigens - schließt sich an und hier kann man für kurze Zeit entspannt die schöne Aussicht genießen. Am Ende der Strecke aber beginnt das, was dem Namen der Bahn alle Ehre macht. Die Passagiere in Fahrtrichtung sehen es kommen, die mit dem Rücken dazu sitzenden werden unverhofft nach unten gerissen und eine wilde, eine verrückte Fahrt beginnt. Hügel und Drop wechseln sich in schneller Folge ab, die Gondeln schwingen unabhängig voneinander und drehen sich durch die Fliehkräfte um die eigene Achse, wieder ändert sich die Fahrtrichtung und wir rauschen in die Magneten der Blockbremse bis fast zum völligen Stillstand. Die Blockbremse sorgt dafür, dass zwei Wagen gleichzeitig die Strecke gefahrlos befahren können, was die Wartezeiten bei höherem Andrang in Grenzen hält. In unserem Fall geht es aber sofort ohne Aufenthalt weiter. Die hydraulischen Reibräder schieben den Wagen auf den nächsten Abgrund zu, wieder steht die Welt kopf und wir rasen neben der Schiene nach unten. Danach sofort in einem Bogen aufwärts, um gleich darauf erneut mit einem Richtungswechsel in die Tiefe ins nächste Tal zu stürzen. Noch einmal ein Stück aufwärts mit einer Drehung, und Kopfüber erreichen wir die Magnetbremsen am Bahnende. Unter uns schauen die Zuschauer aus der Warteschlange teils begeistert, teils überrascht zu uns auf. Langsam schweben wir den letzten Teil der Strecke nach unten. Die Gondeln werden im Bahnhof hydraulisch wieder in die Ausgangsstellung gedreht, Gurte und Bügel von den Mitarbeitern geöffnet und mit einem breiten Grinsen im Gesicht verlassen wir die Anlage.

Technische Daten
Hersteller:Intamin Transportation Ltd.
Schaan, Liechtenstein
Eröffnung:25. April 2009
Höhe:36 Meter
Länge:250 Meter
Topspeed:60 km/h
Kapazität:800 P/h
Kosten:5 Millionen Euro
Insane

Mit Insane hat sich Gröna Lund - im Gegensatz zum gewählten Namen - sehr vernünftig verhalten. Die Bahn ist, anders als Ihre Brüder Kirnu und Inferno, ausreichend lang geraten, um Besucher zu Wiederholungsfahrten zu animieren, selbst bei etwas höheren Wartezeiten. Die Höhe der Bahn sorgt für gute Publicity schon von Weitem und das Fahrerlebnis ist trotz der teilweise hohen Intensität ausgeglichen genug, um für eine breite Masse an Besuchern geeignet zu sein - auch wenn die Anlage beim ersten Anblick so manchen tapferen Wikinger erst einmal tief Luft holen lässt - aber Wikinger kennen ja bekanntlich keine Angst.





Text: Lifthill.net - mk | Fotos: Lifthill.net