Es war 2001 - im Eröffnungsjahr von Colossos im Heide-Park, da kündigte sich für das Folgejahr in einem ganz anderen Park in Amerika eine Aufsehen erregende Weltneuheit bei den Achterbahnen an: Eine Katapult-Achterbahn, bei der der Zug, rasant beschleunigt durch einen neuartigen Hydraulik-Antrieb, senkrecht einen Hügel hinauf geschossen wird. Die dabei erreichten Beschleunigungswerte und Geschwindigkeiten waren auffallend hoch. Erdacht, entwickelt und fabriziert von der innovativen Liechtensteiner Achterbahnschmiede Intamin, feierte der "Xcelerator" 2002 in der kalifornischen Knott's Berry Farm Premiere. Neben dem optisch auffallenden "Top Hat", eben jenem Hügel, den der Zug senkrecht erklimmt, war die eigentliche revolutionäre Neuheit von Außen nicht zu sehen.
Die Seilwinde des Katapult-Antriebs wurde durch einen Hydraulik-Motor auf Touren gebracht. Frühere Antriebe bei Katapult-Achterbahnen waren meist nicht so effizient, zeichneten sich durch hohen Verschleiß der Antriebsteile oder einen enormen Energiehunger allgemein aus. So auch die Entwicklungen der Katapult-Achterbahnen der 90er Jahre mit Linearmotoren, die zwar schon beeindruckende Beschleunigungswerte und Geschwindigkeiten aufweisen konnten, aber auf der anderen Seite eine ebenso enorme Leistungsaufnahme und hohen Verbrauch an elektrischer Energie hatten. Hier brachten es die Ingenieure von Intamin mit dem Hydraulik-Antrieb fertig, eine Anlage zu liefern, die durch eine geringere, stetigere Leistungsaufnahme die Anforderungen an den elektrischen Anschluss nicht überstrapazierten, andererseits eine solch hohe Energie innerhalb kürzester Zeit zur Verfügung stellt, um diese enormen Beschleunigungswerte zu erreichen. Es ist nicht verwunderlich, dass die zurzeit schnellsten Achterbahnen der Welt eben mit diesem Hydraulik-Antrieb angetrieben werden. Seit dem Prototyp 2002 konnte Intamin ihren Accelerator Coaster, wie er auch genannt wird, bereits 15-mal weltweit verkaufen. Neben den Vereinigten Staaten gingen einige Modelle nach China, Japan und Australien. Aber auch Europa ist mit England, Schweden, Norwegen und Spanien im Lieferverzeichnis der Liechtensteiner vertreten.
Seit der Freizeitpark-Saison 2007 ist nun auch in Deutschland ein rasanter Intamin Accelerator Coaster zu finden. Konkret in der Lüneburger Heide im flächenmäßig größten Freizeitpark Deutschlands, dem Heide Park, können sich wagemutige Besucher seit Mai 2007 rasant durch die Heide schießen lassen. "Desert Race - Der Höllenritt durch die Wüste" heißt die für die Saison 2007 neue Attraktion im Heide Park.
Der Höllenritt startet rechts von Colossos, der parkeigenen Holzachterbahn. Einige Parkbesucher aus früheren Jahren erinnern sich vielleicht noch an das Problem mit dem Flugsand, der einem bei ungünstigen Windverhältnissen manchmal bei einer Fahrt auf Colossos ins Gesicht prasselte. Davon ist heute nichts mehr festzustellen, da das Gelände um die Holzachterbahn über die Jahre hinweg mit Gras zugewachsen ist. Ein Schelm, wer dabei böses denkt, wenn einem die Assoziation mit der Thematisierung von Desert Race (Wüste - Sand) in den Sinn kommt. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere auch noch an die Gerüchte 2003 um eine Wasserachterbahn an gleicher Stelle, wo nun der Katapult-Coaster seine Runden durch die Wüste zieht. Auch das wäre in Form des "Aqua Trax" aus dem Hause Intamin eine Deutschland- ja, sogar Europa-Premiere gewesen. Probleme mit den Anwohnern und finanziell enge Kostenberechnungen führten zum Aus für diese Attraktion an der Stelle.
Ob es nun an der engen Kostenberechnung gelegen hat oder an einem in Gerüchten herumschwirrenden Investitionsstopp der damaligen Besitzerin Tussauds Group wird sich heute nicht mehr ganz eindeutig beantworten lassen. Fakt ist, dass Mitte 2006 eine neue Achterbahn für 2007 angekündigt wurde. Auf ersten Entwürfen konnte man eine lange und interessante Streckenführung durch die Wüste erkennen. Spätestens bei der Grundsteinlegung im August 2006 war aber klar, dass die neue Achterbahn eine leicht modifizierte Kopie einer Anlage aus dem englischen Alton Towers Park werden würde. "Rita - Queen of Speed" ihr Name. Der Höllenritt durch die Wüste sollte in weiten Teilen der Geschwindigkeitskönigin aus England entsprechen. Am Ende bekam das Layout von Desert Race jedoch noch einen zusätzlichen Hügel und eine stärker geneigte Schlusskurve spendiert. Ach ja: Das Wüstenrennen ist sogar noch einen Tick schneller, als die Schwester in England.
Soviel zum theoretischen Teil. Nackte Zahlen und Beschleunigungswerte sind die eine Seite. Doch wie erlebt man den Höllenritt durch die Wüste nun subjektiv? Ähnlich wie bei Rita fällt einem zuerst die Abschussstrecke auf, wenn man sich der Achterbahn nähert. Parallel dazu verlaufen ein Teil des Wartebereiches und der Fußweg. Leider ist es bei Desert Race nicht möglich, in den Bereich der eigentlichen Bahn unter die Schienen zu gelangen. Hier finden sich zerbeulte Jeeps auf Geröllhalden und andere Thematisierungs-Elemente. Das größte dieser Elemente ist wohl der voluminöse rot-gelbe Hubschrauber, der über der Abschussstrecke thront und den Leitstand der Anlage beinhaltet. Entsprechend sind auf den Achterbahnwagen Startnummern angebracht, die eine weitere Verbindung zum Wüstenrennen Paris-Dakar darstellen sollen. Leider hört hier die Thematisierung aber bereits auf. Der Rest des Zuges ist in schlichtem Blau oder Rot gehalten, während das Chassis der Standardform entspricht. Die Schulterbügel sind im Vergleich zu den anderen Accelerator Coaster nochmals modifiziert worden und haben nun eine kleine Wulst an der Innenseite, sodass bei plötzlichen Richtungswechseln ein etwaiger Kontakt mit dem Hals oder den Ohren des Fahrgastes etwas abgefedert wird. Die Farbkombination der Schienen und der Stützen ist gelungen und entspricht den Farben auf früheren Konzeptzeichnungen. Schlanke Stützen in einem wüstensand- farbenen Ocker Ton halten teilweise kunstvoll verwinkelt die glänzend schwarzen Schienen in ihrer Position. Der Bahnhof ist schlicht gehalten und dient hauptsächlich dem effizienten Be- und Entladen der Züge. Der Abschuss geschieht bei Desert Race aus dem Bahnhof heraus. Die Wartenden erhalten hier einen Eindruck davon, was für eine rasante Überraschung da auf sie wartet. Platz nehmen, Bügel herunterziehen und mit dem Sicherheitsgurt verbinden. In der Regel erklingt hier, wie bei fast allen Accelerator Coastern, eine Ansage mit einem Count down. Sollte dies einmal nicht der Fall sein, kann man sich ganz gut auf den Abschuss einstellen, da der ganze Zug nun mit einer leichten Rückwärtsbewegung in den Zugschlitten einrastet.
Keine Sekunde später erfährt man die gewaltige Beschleunigungskraft dieser Anlage. Die blitzartige Wucht und nicht nachlassende Kraft der Beschleunigung ist jedes Mal eine sensationelle Erfahrung und eindeutig das Hauptmerkmal dieser Katapult-Achterbahnen. Klar, ein Spannungsaufbau wie auf einem klassischen Lifthill fehlt hier. Doch das wird mehr als wettgemacht durch die komprimierte Anspannung kurz vor dem Launch. Fährt man in der ersten Reihe mit, kommt der Wind als Verstärker dazu, der einem heftig ins Gesicht bläst. Man realisiert kaum, dass die Beschleunigung ausgesetzt hat, da wirft sich der Zug mit Schwung in die erste Steilkurve. Es folgt ein Anstieg in den ersten Camelback mit Umschwung und Abfahrt in die nächste Steilkurve. Das gleiche nochmals in die andere Richtung durchfährt der Zug eine weitere bodennahe Steilkurve parallel zur ersten Biegung. Hierbei fällt den Mitfahrern die immer noch hohe Geschwindigkeit durch die starken g-Kräfte auf, die einem in den Sitz pressen. Eine weitere Auffahrt und ein letzter Camelback folgen. Dieser fehlt übrigens bei der Schwesteranlage in England, wo der Zug bereits abgebremst wird und ungefähr auf Dachhöhe der Werkstatt um diese herum zurück in den Bahnhof schleicht. Nicht so bei Desert Race. Der Zug wird zwar nach dem letzten Camelback etwas abgebremst, durchfährt aber die nun bodennahe Steilkurve um die Werkstatt herum in die S-förmig geschwungene Schlusskurve hinein mit deutlich höherer Geschwindigkeit als der Layout-Vorgänger in England. Die Zielflagge winkt und der Höllenritt durch die Wüste ist - viel zu schnell - vorbei.
| Technische Daten | |
|---|---|
| Hersteller: | Intamin Transportation Ltd. Schaan, Liechtenstein |
| Eröffnung: | 15.05.2007 |
| Höhe: | 19 Meter |
| Länge: | 650 Meter |
| Topspeed: | 100 km/h (in 2,4 Sekunden) |
| Beschleunigung: | max. 5 G |
| Besonderes: | Hydraulischer Katapultstart |
| Fahrtdauer: | 27 Sekunden |
| Züge: | 2 Züge mit je 5 Wagen à 4 Personen |
Desert Race hatte es nach der Ankündigung unter Achterbahn Fans in Deutschland zuerst nicht leicht. Warum man eine Kopie einer Achterbahn wählte, dessen Layout durch Bauhöhenbeschränkungen und Platznot geformte war, schien nicht nachvollziehbar bei den Platzverhältnissen im Heide-Park. Neben dem Kostendruck gab es aber durchaus auch Baubeschränkungen, die der Heide-Park an dieser Stelle einhalten musste. So sind z.B. die Stützen der Bahn zwecks Fahrgeräuschminderung mit Sand gefüllt. Auch gab es Probleme mit Nachbarn, die kurzzeitig einen Baustopp durchsetzen konnten. Es war sicherlich für viele überraschend, dass selbst der weitläufige Heide-Park mit Anwohnerprotesten wegen des Lärms zu kämpfen hat. Nach einigen Hürden konnte Desert Race schließlich am 15. Mai 2007 als Deutschlands erste Katapultstart-Achterbahn eröffnet werden. Und das macht Desert Race absolut überzeugend: Seine Mitfahrer rasant und mit gewaltiger Wucht durch die Heide katapultieren. Schnelle bodennahe Kurven mit Richtungswechseln und Airtime über die Camelbacks zeichnen die Fahrtstrecke nach dem Abschuss aus. Desert Race glänzt sicher nicht durch irgendwelche Rekorde. Dafür ist teilweise die Nachbarbahn zuständig. Auch wenn der Höllenritt durch die Wüste nicht zu den schnellsten Bahnen Deutschlands zählen mag, sagen einem das subjektive Fahrempfinden und der Fahrspaß, den man dabei hat, doch etwas ganz anderes. Und darauf kommt es wohl auch an. Nach den Überkopf-Fahrten auf Big Loop und Limit und den Airtime Momenten auf den hölzernen Hügeln von Colossos passt sich Desert Race mit dem fulminanten Abschuss und den schnell durchfahrenen bodennahen Kurven doch auf seine Art in das Attraktionsangebot des Heide-Park ein.
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