Cobra

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09/2010

Friedensverhandlungen sind manchmal langwierig zwischen den betroffenen Parteien. Dass sich aber der Aufbau einer relativ einfachen Achterbahn des russischen Herstellers PAX (lat.:Frieden) im sympathischen Schweizer Freizeitpark Connyland über mehr als vier Jahre hinzieht, hätte wohl niemand erwartet.

Cobra
Bahnhof

Bahnhofsgebäude der Cobra

Bahnhof

Blick aus dem Bahnhof

Im Frühjahr 2005 tauchten erste Gerüchte über die Eröffnung einer solchen Bahn im Alpenstaat auf und die Coastergemeinde freute sich über die Entscheidung des Parks, diese Investition zu tätigen. Erste Bedenken kamen auf, als der Hersteller benannt wurde, galten die Bahnen aus dem Osten doch eher als rustikal anmutend in Design und Technik. Veröffentlichte Artworks und eine Website zur Bahn jedoch zeigten ein überaus interessantes Konzept, was den beengten Platzverhältnissen im idyllischen Lipperswil Rechnung trug: Eine gerade Strecke mit einem Fallturm, zwei Airtimehügeln, Looping und abschließender Überkopfstrecke. Das ganze sehr ansehnlich bis zum Ende des Parkplatzes direkt an der Straße eingebettet. Und außerdem fuhren sich die diversen anderen PAX-Bahnen doch gar nicht so schlecht – wie z.B. der Wild Train im Freizeitpark Strasswalchen.

Leider häuften sich alsbald die Unstimmigkeiten. Schon früh wurde der Eröffnungstermin von Frühjahr 2006 auf 2007 verschoben, während des Aufbaus gab es Verzögerungen, der Liefertermin der Bauteile verschob sich immer wieder, das Werksgelände des Herstellers wurde gesperrt, wieder geöffnet, eine Eröffnung zur Saison 2008 durch diverse Fristsetzungen schließlich zugesagt. Hier war nun doch wieder Radio Eriwan zu hören: Im Prinzip ja, aber…

Zug

Der Zug der Cobra

Ab März 2009 wurde endlich mit der Anlieferung der Teile und dem Aufbau der Bahn begonnen, erste Testfahrten fanden im Dezember 2009 statt und die letztendliche TÜV-Abnahme erfolgte im Juli 2010. Am 28. Juli erfolgte die lang erwartete offizielle Eröffnung mit einem wohlverdienten, spektakulären Eröffnungsevent mit illustren Gästen wie z.B. Formel1-Pilot Christian Klien und Rennfahrerin Christina Surer.

Dass die Bahn nur zwei Tage nach der Eröffnung für eine Woche geschlossen wurde zum Zwecke von weiteren Wartungsarbeiten sei hier nur noch am Rande erwähnt und fällt bei diesen Zeiträumen nun auch nicht mehr wirklich ins Gewicht.

Fallturm

Die Cobra erklimmt den steilen "Lifthill"

Schon beim Einbiegen auf den Parkplatz unterquert man den zweiten Airtimehügel und den Looping, die Überkopfsektion mit den überdachten Reibrädern steht rechterhand auf einem schön angelegten Rasenrondell mit farbenprächtigen Blumenrabatten. Die rote Schiene der Bahn wirkt beim Näherkommen schon beinahe fragil, der Schienenrücken nicht dicker als die Laufrohre selbst. Der Blick folgt unweigerlich dem Schienenverlauf über den ersten Hügel zum liebevoll gestalteten Bahnhof, an dessen Ende sich der Beschleunigungsturm mit aufgesetztem Parknamen in die Höhe reckt – ein wahrlich imposanter Anblick. Gleich nach Parkeintritt sieht man die Schiene sich anmutig, auf und ab geradewegs in Richtung des Bahnhofs schlängeln, wir finden den Eingang nach dem Zelt der Papageienshow gegenüber dem Ziegengehege. Die Station ist mit Elefanten-Wandreliefs geschmückt, zwei Eingangstreppen umrunden ein kleines Türmchen mit einem Brunnen und treffen sich unter einer Cobra-Statue. Der Wartebereich im Bahnhof selbst ist nicht weiter unterteilt, die Sitzwahl erfolgt bei normalem Andrang frei nach Lust und Laune an den Einlassgattern.

Haben die Mitfahrer in den 9 doppelsitzigen, in gelb und rot gehaltenen Wagen Platz genommen, schließen zwei Mitarbeiter die recht dünn aussehenden, aber gepolsterten Schulterbügel. Ein zusätzliches Gurtschloss verriegelt das Ganze nochmals. Die Bügel bieten ausgesprochen viel Platz für den Kopf. Bei einer Achterbahn ohne Kurven – vom Connyland als „Linearachterbahn“ beworben - dürften also keine Ohrwatschen zu erwarten sein…sollte man jedenfalls annehmen dürfen.

Der Beschleunigungsturm selbst ist leicht über 90% übergeneigt, eine Seilwinde zieht den massiv aussehenden Mitnehmer an zwei dicken Stahlseilen mitsamt dem Zug bis unter die Spitze des Turms. Hier zeigt sich einmal mehr das Credo russischer Ingenieurskunst: einfach, aber effektiv und robust. Wenige bewegliche Teile, der Mitnehmer hängt direkt an den Seilen und fährt ohne zusätzliche Führungen direkt an der Schiene entlang. Wie sich die auftretenden Kräfte allerdings an der Aufhängung verteilen – darüber mag man trefflich spekulieren.

Mitnehmer
Bremse
Lift
Fahrwerk
First Drop

Im freien Fall...

Camelback

...über Hügel...

Looping

...durch den Looping

Nun aber genug der Vorreden, die lang erwartete erste Fahrt mit der Cobra steht an. Die Sitze sind nicht übermäßig weich, aber ausreichend bequem für die kurze Strecke. Die Bügel schließen relativ eng an den Oberkörper an – schließlich ist ja ein Teil der Strecke überkopf zu fahren bzw. geht mehr als senkrecht in die Höhe. Nach der Bügelkontrolle schieben Reibräder den Zug rückwärts aus der Station, ein lauter Schlag kündigt vom Einrasten des Mitnehmerhakens am Zugende. Die Stahlseile federn etwas durch – eine interessante Erfahrung - und mit einem leichten Ruck setzt sich der Zug langsam nach oben in Bewegung. Immer höher geht es hinauf, der Oberkörper legt sich auf den Schulterbügel und...

...der Zug klinkt aus dem Haken aus und nimmt Fahrt auf, rauscht mit einer Spitzengeschwindigkeit von 85 km/h durch den Bahnhof auf den ersten Airtimehügel, wir heben ab und spüren wie die Schwerelosigkeit uns umschmeichelt, sanft durchqueren wir das Tal auf den zweiten Hügel zu, ein weiteres Mal erleben wir die negativen G-Kräfte, bevor wir durch den Looping gleiten und kopfüber in die Reibradstrecke rollen, welche uns einige extra Höhenmeter schenkt für die entspannte Rückfahrt zum Bahnhof. Die Bremsen in der Station greifen und bringen den Zug zum Stehen, beschwingt steigen wir aus und umrunden das Gebäude, um gleich noch mal zu fahren. Soweit zumindest stellen wir uns die folgenden Momente vor...

Nun aber erfasst uns die Realität: der Zug klinkt aus, nimmt Fahrt auf und beschleunigt in Richtung Erde, die Rundung der Schiene drückt die Wagen in die Horizontale und erste leichte Schläge und Ruckler sind spürbar, allerdings noch nicht allzu unangenehm. Dies ändert sich leider bald, bei der Auffahrt auf den ersten Hügel sind deutlich seitliche Bewegungen vorhanden, der Kopf nähert sich bedenklich den Bügeln und schon spüren wir die abhebenden Kräfte auf dem Hügel. Mit Schwung geht es über den Camelback und weiter in Richtung Tal und zweiter Steigung, unsere Ohren protestieren schon, sie haben intimen Kontakt mit den Bügelpolstern aufgenommen. Durch den Looping und senkrecht in die Höhe, der Zug wird langsamer und wir erreichen die Reibräder. Der Park liegt vor und über uns, unter uns der blaue Himmel. Einen Moment lang werden die Wagen weitergeschoben und setzen sich dann wieder rückwärts in Bewegung, die Tour beginnt in umgekehrter Reihenfolge etwas langsamer als die Hinfahrt und endet in den Bahnhofsbremsen. Bis die Wagen wieder an der korrekten Ausstiegsposition sind, versuchen wir zu erfassen, was seit dem Einstieg passiert ist. Sind wir einer Halluzination erlegen? Wo waren die Kurven, die wir verspürten? Der Blick geht unweigerlich nach vorne und folgt der geraden Strecke, die Schiene deutlich sichtbar bis zum Bahnende.

Cobra
Cobra
Cobra
Cobra
Technische Daten:
Hersteller:Pax Company
Moskau, Russland
Eröffnung:29.07.2010
Höhe:42 Meter
Länge:215 Meter
Topspeed:85 km/h
Track

Wohl selten hat eine Bahn so überrascht wie die Cobra: ein tolles Konzept, wunderschön thematisierte Umgebung, freundliche Mitarbeiter, die mutige Entscheidung seitens des Parks, das Risiko des Baus einer Großattraktion, das langjährige Durchhaltevermögen mit den mehr als belastenden Lieferverzögerungen. Das Endergebnis hat mit schweizer Präzision leider sowenig zu tun wie Käsefondue mit russischem Borschtsch. Die Cobra ist für beengte Platzverhältnisse und Höhenbeschränkungen, wie sie im schönen Connyland herrschen, ein ideales Konzept. Leider ist die gelieferte Qualität der Schienen nicht im Ansatz ausreichend um mit dem Rest der Anlage Schritt zu halten. Der Park hätte es verdient, eine angemessen ruhige und ausgeglichene Fahrt zu bekommen, intensiv zwar, aber ohne die ständig vorhandenen Schläge und seitlichen Kräfte. Das Schmiermittel der Arbeiter beim Schienenbiegen schien wohl eher Wodka denn Öl gewesen zu sein. Auch mit Nachbesserungsarbeiten kann man da nicht mehr viel retten und so würde die Cobra den Titel "härteste Achterbahn Europas" wirklich verdienen, wenn ihn nicht schon ein anderer Park für seine Neuheit beansprucht hätte.

Text: Lifthill.net - mk | Fotos: Lifthill.net