"Es gibt keinen Mut ohne Angst." Isländisches Sprichwort
Der Europa-Park steht Kopf. Was bis letztes Jahr noch eine utopische Vorstellung der Fangemeinde war, ist jetzt Wirklichkeit geworden. In Deutschlands größtem Freizeitpark wurde in den vergangenen sechs Monaten eine Loopingachterbahn mitsamt neuem Themenbereich in die Höhe gezogen. Wieder einmal wurde die Skyline im badischen Rust grundlegend verändert. Entlang der neu verlegten Zufahrtstrasse entspringt das marineblaue Stahllabyrinth zwischen den schroffen Felsformationen Islands hervor und inmitten der vulkanischen Landschaft ragt der 32 Meter hohe Looping auf wie ein ausbrechender Geysir. Wer seine Angst überwindet und eine Fahrt mit dem neuen Megacoaster wagt, erlebt den Europa-Park aus einer ganz neuen Perspektive. Stellt Blue Fire auch deine Welt auf den Kopf?
Europa rückt näher zusammen. Der neue Themenbereich Island, welcher sich auf einer Größe von zwei Hektar erstreckt, befindet sich direkt hinter dem skandinavischen Themenbereich. Über eine neu angelegte Holzbrücke führt der breite Weg leicht abwärts unter dem Fjord-Rafting hindurch. Sobald man aus der felsigen Unterführung hervortritt, genießt man eine beeindruckende Panoramaaussicht auf Blue Fire. Ein beschauliches Fischerdorf mit Gastronomie und Shoppingmöglichkeiten lädt zum flanieren ein. So kann man sich zum Beispiel im "Kaffi Hus" in die gemütlichen Loungemöbel sinken lassen oder gleich von den Terrassenplätzen die Aussicht auf Blue Fire genießen. An den bunten Häusern lassen sich allerlei kleine Details entdecken, die ein authentisches Flair verbreiten. Auch im Bereich um den neuen Megacoaster wurde nichts dem Zufall überlassen. Über 70.000 Stauden, 45 ausgewachsene Kiefern, Tannen und Birken sowie 1000 Quadratmeter Rollrasen lassen vergessen, dass hier vor kurzem noch eine Baustelle war. Malerische Felsformationen rahmen die Achterbahn ein. Hat man einmal die Warteschlange betreten, bekommt man gute Einblicke in das Schienenlabyrinth. Der Weg windet sich zwischen Felsen und Schienen bis zu einem Lagerhaus. Darin befinden sich sowohl Ein- und Ausstieg, wie auch die Abstellgleise. Ein paar große Kisten verstauben in der Ecke und von der Decke hängen Kanus. Die Mitarbeiter, die uns in Empfang nehmen, sind in Parkas mit Pelzkragen gehüllt. Wir fragen uns noch, auf was für eine Expedition sie wohl aufbrechen wollen, bevor wir an der Reihe sind, in den modernen Zügen Platz zu nehmen.
Fünf Züge mit Platz für jeweils 20 Personen sorgen für eine stolze Kapazität von 1720 Personen pro Stunde. Damit erreicht Blue Fire locker einen vergleichbaren Durchsatz wie der Kapazitätsbolide Silver Star. Auf den fünf Wagen (mit so genanntem Nullwagen am Anfang jedes Zuges) befinden sich je zwei Doppelsitzreihen, bei denen die hinteren Sitze leicht erhöht im so genannten "Stadium Seating" angebracht sind. Der komplette Zug wurde sehr offen gestaltet. Keine störenden Fußkästen oder überflüssigen Verkleidungen. Ein schlanker Schossbügel alleine hält uns in den äußerst bequemen Schalensitzen. So hat man nicht nur während der Fahrt ein grandioses Freiheitsgefühl, sondern auch das Ein- und Aussteigen geht sehr schnell und bequem vonstatten. Besonders die Achterbahnenthusiasten dürften sich darüber freuen, dass auf Überrollbügel verzichtet wurde. Die Züge sind zusätzlich nicht nur mit einem On-Board Soundsystem ausgestattet, sondern haben auch einen Pulsmesser in den Schoßbügeln und eine On-Board Kamera an der Wagenfront. So kann nach der Fahrt eine DVD erworben werden, die nicht nur die freudigen oder bleichen Gesichter der Abenteurer während der Fahrt zeigt, sondern auch gleich die entsprechende Pulsfrequenz dazu liefert. Bereits Kinder ab 7 Jahren und einer Körpergröße von 1,30 Meter dürfen mit den Blue Fire Zügen auf eine Reise durch Island aufbrechen.
Hat man in einem der fünf Züge Platz genommen wird der Schossbügel geschlossen und kontrolliert. Schon beginnt die Reise. Langsam rollt der Zug durch das kleine Tor am Ende des Bahnhofs und verschwindet in einer Linkskurve. Ein aus dem Fels gehauener Tunnel führt durch ein Labor mit allerlei technischen Geräten. Wissenschaftler sitzen vor Computerbildschirmen und führen Experimente zur Energiegewinnung durch. Wo sind wir hier gelandet? - fragt man sich unvermutet. In einem langen geraden Gang kommt der Zug zum stehen. Die Wände tauchen in einen beängstigenden Rotschimmer, aus den Röhren rings um uns tritt in kurzen Stößen Dampf aus. Das ist der Moment! Alle Insassen halten gespannt den Atem an, einige klammern sich an den Schossbügeln fest. Was kommt jetzt? Ohne Vorwarnung sprintet der Zug auf der 80 Meter langen Beschleunigungsstrecke los und bricht dabei aus der seltsamen Höhle im Fels aus.
In nur 2,5 Sekunden ist die Spitzengeschwindigkeit von 100 km/h erreicht und der Fahrtwind bläst uns die Schweißtropfen von der Stirn. Mühelos erklimmt der Zug den ersten Hügel, der sich in einer Linkskurve Richtung Himmel zieht. An der Spitze dieser knapp 40 Meter hohen Steilkurve ist der Horizont das erste Mal in Schieflage, wie zur Einstimmung auf die nun folgenden Schienenmeter. Es geht abwärts, der Zug stürzt sich in die isländische Kraterlandschaft vor uns. Der schnell näher kommende Tunnel wirkt viel zu eng für den Zug und die scharfkantigen Felsformationen scheinen zum Greifen nah. Schon tauchen wir ein in die dunkle Zerklüftung um gleich darauf wieder hinauszuschießen und den 32 Meter hohen Looping zu erklimmen. Die Schiene verschwindet geradewegs im Himmelblau, bis der - nun auf dem Kopf stehende - Europa-Park in unser Sichtfeld rückt. Mit unverminderter Geschwindigkeit dreht sich der Horizont weiter, bis der Zug abermals über die schroffe Geologie Island fliegt. Es folgt eine bodennahe Rechtskurve, in der die Schiene nur andeutungsweise einen Hügel beschreibt, bevor es wieder steil nach oben in die Blockbremse geht. Nur ein kurzer Augenblick bleibt zum verschnaufen, denn schon geht es abwärts in eine leichte Rechtskurve. Wie um den Felsen am Boden auszuweichen, wirft sich der Zug nun nach links in die erste Korkenzieher ähnliche Inversion hinein, die sich durch eine Öffnung im Gestein windet. Abermals steht Rust kurz Kopf. Es folgt eine bodennahe Rechtskurve durch einen Canyon hindurch, in deren Rechtsdrall es direkt durch den zweiten Korkenzieher und damit durch die dritte Inversion geht. Es folgt ein Hügel durch den Looping hindurch, der an seinem Scheitelpunkt von einer Rechts- in eine Linkskurve umschwenkt. In einer 270° Kurve fliegen wir über den Boden, bevor der Zug in die "Heartline Roll" eintaucht. Wir drehen uns auf der nun geraden Strecke einmal im Uhrzeigersinn um die eigene Achse und entfliehen dieser letzten Inversion mit eine rettenden 180° Rechtskurve bis zur Schlussbremse. Langsam rollt der Zug in den Bahnhof ein. Viele der Fahrgäste klatschen und jauchzen, manche sind immer noch sprachlos. Wir verlassen das Bahnhofsgebäude in Richtung Fischerdorf für eine kurze Verschnaufpause und um uns gleich darauf wieder anzustellen.
Entlang der Abschussstrecke stehen die Besucher dicht gedrängt vor dem Zaun und bewundern, wie in kurzen Abständen die Züge von Blue Fire ihren Katapultstart absolvieren. Doch wie genau funktioniert eigentlich Deutschlands erste LSM (Linear Synchron Motor) Achterbahn?
Das Geheimnis verbirgt sich in den weißen Blöcken, die entlang der Abschussstrecke auf der Schiene montiert sind. In diesen sogenannten Statoren wird durch elektrische Energie ein wanderndes Magnetfeld erzeugt. Unter den Zügen sind Permanentmagnete montiert, die zwischen die Statoren eintauchen. Der Permanentmagnet wandert nun mit dem in den Statoren erzeugten Magnetfeld synchron mit. Daher auch die Bezeichnung "Synchron Motor". Die Funktionsweise ähnelt einem Elektromotor, nur das die Energie nicht in eine Rotations- sondern in eine lineare Bewegung umgewandelt wird. Die Geschwindigkeit des Zuges kann direkt mit der Frequenz des elektrischen Stromes, also mit der Wandergeschwindigkeit des Magnetfeld in den Statoren kontrolliert werden. Was hier einfach klingt, ist in der Installation vor Ort sehr aufwändig und benötigt eine große Menge Energie. Jeder Zug bringt schließlich stolze zehn Tonnen Gewicht auf die Waage, welches in Bewegung gesetzt werden muss. Ein Vorteil ist, dass das System kontaktlos funktioniert und kaum einem Verschleiß unterworfen ist. Auch auf der Blockbremse nach dem Looping wurden statt herkömmlichen Bremsen Statoren eingesetzt, die den Zug bei Bedarf abbremsen und wieder beschleunigen können. In der Schlussbremse vor dem Bahnhof werden wiederum die Permanentmagnete unter den Zügen genutzt, die zwischen zwei Metallschwerter eintauchen woraufhin ein Wirbelstromfeld entsteht, welches den Zug nahezu bis zum Stillstand abbremst. Stromlos, kontaktlos, selbst regelnd und ausfallsicher.
| Technische Daten | |
|---|---|
| Hersteller: | Mack Rides GmbH & Co. KG Waldkirch, Deutschland |
| Eröffnung: | 04.04.2009 |
| Höhe: | 38 Meter |
| Länge: | 1056 Meter |
| Topspeed: | 100 km/h |
| Beschleunigung: | 0-100 km/h in 2,5 Sekunden |
| Fahrzeit: | ca. 3 Minuten 20 Sekunden |
| Max. G-Kräfte: | 3,8 G |
| Züge: | 5 Züge à 20 Personen |
| Gewicht pro Zug: | ca. 10 Tonnen (voll besetzt) |
| Kapazität: | 1720 Personen/h |
| Besonderheiten: | Looping, Korkenzieher, Heartline Roll, LSM Abschuss |
| Mindestgrösse/Alter: | 1,30 Meter, 7 Jahre |
| Gewicht Stahlbau: | ca. 620 Tonnen |
| Gewicht Anlage: | ca. 650 Tonnen |
| Einzelstücke: | ca. 130 Stützen und ca. 120 Schienensegmente |
Lange hat es gedauert, doch das Warten hat sich gelohnt. Endlich steht eine Achterbahn mit Inversionen im Europa-Park und ergänzt nicht nur das Attraktionsangebot, sondern erweitert auch das Portfolio von Mack Rides um ein bemerkenswerte Anlage. Was die Waldkircher Achterbahnschmiede hier abgeliefert hat, kann man durchaus als großen Wurf bezeichnen. Blue Fire ist dynamisch und abwechslungsreich, ohne an die Grenzen der Belastbarkeit zu kommen. Die Beschleunigungskräfte in alle Richtungen sind auf den gesamten Fahrtablauf harmonisch abgestimmt. Lediglich beim Abschuss wünscht man sich noch einen Tick mehr "Wumms". Absolut weich gleiten die Züge über die stählerne Strecke und schmiegen sich ohne Schläge oder Stöße in jede Kurve und jeden Überschlag. Der Themenbereich ergänzt die Attraktion und knüpft qualitativ und gestalterisch an die Linie an, die man schon im englischen Themenbereich bewundern kann. Es herrscht viel Liebe zum Detail mit zahlreichen markanten Elementen, die als typisch Isländisch ins Auge springen. Das Konzept um den neuen Themenbereich geht voll und ganz auf. Der erste Megacoaster made in Waldkirch zeigt nicht nur, was mit heutiger Technik möglich ist, er macht auch neugierig auf zukünftige Projekte aus dem Hause Mack-Rides.
| Weiterführende Links |
|---|
| » Baustelle Blue Fire » Pressekonferenz Blue Fire » Parkhomepage |